Claudio Naranjo
Erkenne dich selbst im Enneagramm



München 1994; 256 Seiten ISBN 3-466-34316-X

Jeder, der Interesse für dieses Buch zeigt, ist gut beraten, sich zunächst den Originaltitel „Character and Neurosis“ sowie das berufliche Betätigungsfeld des Autors zu vergegenwärtigen: Es handelt sich um das Buch eines Psychiaters mit psychiatrisch akzentuierten Ausführungen zum Enneagramm. Der deutsch formulierte Titel und ein Blick ins Inhaltsverzeichnis mögen zwar ein Enneagramm-Buch mit dem allgemein in der Enneagramm-Literatur vertretenen Gedankengut zu den 9 Mustern des Enneagramms erwarten lassen, jedoch hat der Verfasser keinesfalls für Anfänger geschrieben. Dies ergibt sich eindeutig daraus, dass Claudio Naranjo den Schwerpunkt seiner Ausführungen zu jedem Typ des Enneagramms weniger auf die alltäglichen Erscheinungsformen der 9 Muster legt, sondern eher auf ihre gestörten Varianten. Dabei geht der Verfasser zu jedem einzelnen Enneagramm-Muster in gleicher Abfolge vor: Einigen „einleitenden Bemerkungen“ folgt ein Blick auf „Vorläufer in der wissenschaftlichen Charakterologie“, es schließt sich eine gegliederte Darstellung der „Struktur der Wesenszüge“ an, danach geht der Autor auf „Abwehrmechanismen“ ein, und die Kapitel werden mit je einem Abschnitt zur „existenziellen Psychodynamik“ abgeschlossen.

Bei seinen Ausführungen bezieht sich Claudio Naranjo häufig auf die von C.G. Jung hervorgehobenen „psychologischen Typen“, die später im MBTI eine erweiterte Darstellung erfuhren. Noch stärker aber lehnt der Autor sich an Karen Horney und deren Ausführungen in ihrem - vergriffenen - Buch „Neurose und menschliches Wachstum“ an.

Nicht enthalten im Buch von Claudio Naranjo sind nähere Gedanken zu der „Pfeiltheorie“ und zur „Flügeltheorie“ des Enneagramms. Allerdings findet der Leser einige Bemerkungen, die mit den „Subtypen“ (selbsterhaltend, sexuell sowie sozial) in Zusammenhang stehen.

Häufig wird der Leser die Sprache Naranjos als „Verkündung ex cathedra“ empfinden, mit näheren Begründungen zu seinen Darlegungen geht der Autor jedenfalls ziemlich sparsam um. Ob der Leser dies ihm als „Urgestein des Enneagramms“ nachzusehen bereit ist, bleibt der je eigenen Entscheidung überlassen. Als „Lehrbuch“ des Enneagramms ist das Werk von Claudio Naranjo jedenfalls nicht anzusehen, eher als Nachschlagewerk und Fundgrube für fortgeschrittene Kenner. Gleichwohl lohnt es sich, hier einmal die doch recht gut verständlichen Ausführungen eines Verfassers kennen zu lernen, der lange Zeit mit Oscar Ichazo in persönlichem Kontakt stand und der für den Bereich des Enneagramms nach wie vor erhebliches Ansehen genießt.

München 1994
256 Seiten
ISBN 3-466-34316-X

4.Dezember 2003
Wolfram Göpfert