Enneagramm- und SAT-Bericht (von Petra Niemann)

Bericht über einen Enneagrammworskshop nach dem Trainingskonzept von Claudio Naranjo

Im Frühjahr 2002 habe ich die drei Buchstaben SAT das erste Mal gehört: Als mein Mann mich fragte, ob wir gemeinsam an einem Enneagrammseminar in der Nähe von Burgos/Spanien teilnehmen wollen. Ehrlich gesagt, fand ich die Vorstellung, an einem Seminar in spanischer Sprache in den Bergen Nordspaniens teilzunehmen mindestens ebenso spannend, wie meinen Enneagramm - Typ herauszufinden und mehr über das Enneagramm zu erfahren.
Über das Enneagramm hatte ich von unseren Trainern (ich arbeite in einem Seminarzentrum und bin Supervisorin) einiges gehört, was mich neugierig gemacht hatte und so las ich vorbereitend etwas zum Thema, um zumindest eine Idee zu haben, welcher Typ ich denn sein könnte.

Die Protoanalysis:

Die Protoanalysis, so wurde die erste 5 - tätige Veranstaltung genannt, die dann im März 2002 stattfand. Sie ist die Vorbereitung für die Teilnahme an den SAT - Workshops, die Claudio Naranjo in vielen Ländern der Welt veranstaltet: In Kalifornien, Chile, Brasilien Argentinien, Italien und Frankreich.
Es handelt sich einerseits um theoretische Einführung in die Lehre des Enneagramms, andererseits um das Finden des eigenen Charakters und das Erleben der anderen Teilnehmer auf dem Weg, ihr Muster zu finden.
Petra Niemann
Das findet in einem großen alten Haus mit einem großen Garten in Valdivielso statt, einem kleinen Bergdorf in der Nähe von Burgos. In diesem Haus sind während der Workshops fast 100 Personen untergebracht, davon sind ca 80 Personen Teilnehmer der Workshops. Der Rest sind die Trainer, die Organisatoren und das Küchenpersonal, eine Crew, die sich gut kennt und eine herzliche Atmosphäre verbreitet.
Die Teilnehmer sind überwiegend Lehrer, Ärzte, Schaupieler, Therapeuten, Designer und Programmierer aus Spanien, aber wir hatten auch eine Französin, einen Italiener, einen Amerikaner und einen Portugiesen unter uns. Ein Glück - so war ich mit meinen Sprachschwierigkeiten nicht ganz allein.
Einige der teilnehmenden kannten Claudio Naranjo bereits aus Veranstaltungen in Südamerika, leben jetzt in Spanien und wollen die Gelegenheit nicht versäumen, sein Programm auch hier zu erleben.
Das Seminar wurde von Antonio Pacheco und Paco Penarubia geleitet, zwei Trainer, die in der gestalttherapeutischen Szene Spaniens bekannt und angesehen sind. Die meisten Teilnehmer haben Berührung mit gestalttherapeutischen Ausbildungen oder Tätigkeiten. Anders als in Deutschland, ist Claudio als bedeutender Lehrer der Gestalttherapie in Spanien sehr präsent. In den Sechzigern hat er am Esalen Institut in Kalifornien eng mit Fritz Pearls zusammengeabeitet, gelehrt und geforscht. Er gehört damit zu den Ursprungsfiguren der Gestalttherapie, zu denen, die diese Therapieform entscheidend mitgeprägt haben.
In einem Workshop mit 80 Personen ist es sehr aufregend, nach seinem eigenen Typ zu suchen. Im Laufe der fünf Tage fanden sich 9 Gruppen, sortiert nach Charakteren zusammen, die miteinander Gemeinsamkeiten und Unterschiede austauschten, um so ihren Typ zu finden.
Begleitet wurde unser Suchen durch unsere Trainer und auch durch das Plenum.In Pannels wurde der individuelle Erfahrungsstand regelmäßig präsentiert, so dass wir alle aktiv daran teilhaben konnten.
Jeder Tag begann um 8.00 Uhr früh mit Körperarbeit. Das sind unterschiedliche Formen von Tanz und Gymnastik mit und ohne Musik, um die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass wir mit unseren Erfahrungen nicht nur im Kopf bleiben. Der Workshop selbst beginnt immer mit einer Meditation. Dieser Anfang des Tages wird auch von Claudio in den SAT-Workshops beibehalten.
Am Ende der Protoanalysis glaubte ich zu wissen,zu welchem Muster ich gehöre, obwohl seitens Antonios Zweifel angemeldet wurden. Um so unglücklicher war ich, dass die 5 Tage mit der Botschaft endeten, dass das Erkennen des eigenen Typs nicht das Ziel sind, sondern der Anfang einer Transformation im Sinne eines Aufhebens der Begrenzungen unseres Egos, die erst beginnen sollte.
Es war doch mühsam genug gewesen, sich mit seinen Sünden und Leidenschaften zu erkennen. Ich wollte mich damit einfach abfinden. So bin ich nun mal. Un so schlecht lebt es sich ja auch nicht als drei.
Dennoch muss ich wohl neugierig geworden sein, denn ich habe nach der Protoanalysis an den nachfolgenden beiden SAT - Workshops im Sommer 2003 und 2004 teilgenommen, über die ich im folgenden berichten möchte.

SAT 1 im Sommer 2003:

Emilio Diaz-Miranda und Claudio Naranjo


Ein SAT- Workshop dauert heute 10 Tage und es gibt 4 aufeinander aufbauende Stufen zwischen denen jeweils ca ein Jahr liegt. Hier trifft sich eine große Gruppe von Menschen, die miteinander lernen wollen. Wir haben in SAT I und in SAT II die meisten Menschen wiedergetroffen, die wir auch in der Protoanalysis kennengelernt haben.
Früher haben die Workshops übrigens 40 Tage gedauert.
Claudio lebt und lehrt hier mit den Teilnehmern des Workshops die Methoden und Erfahrungen, die er sich ein Leben lang erarbeitet hat und die miteinander zu verbinden für ihn ein Lebenstraum war.
In einem Interview aus dem Jahr 1997 beschreibt er dies so: "Und das, was ich anbot, war eine Synthese von Persönlichem. Das erste SAT, das im Jahr 1971 in den Vereinigten Staaten stattfand, bestand ursprünglich aus einigen Elementen, die ich von Ichazo(chilenischer Enneagrammlehrer) gelernt hatte, einer Dosis buddhistischer Meditation vereint mit meinen Erfahrungen als Therapeut.
Diese drei Dinge bildeten den Kern, der sich langsam weiterentwickelte und als er die Form des jetzigen SAT annahm, stellten sich zwei Phänomene heraus: Einerseits diente SAT besonders der Gemeinschaft der Gestalttherapeuten in den USA und war wie ein Element ihrer Ausbildung..........Wie der Zufall es will, ist das gestalttherapeutische "Hier und Jetzt" ein benachbartes Gebiet zu dem der Meditation und der Gestalttherapie benachbart ist im weitesten Sinne auch das analytische Verstehen. Und auch die originäre Arbeit von Bob Hoffmann lehnte sich ja an die Psychoanalyse an. Hoffmann konstituierte eine systematische Methode der Rückkehr in die Kindheit, um das zu verstehen, was die Psychoanaylytiker -anachronistischerweise, wie ich glaube-, "Ödipus" nannten..........."

Pacheco und Naranjo Hoffmann ist übrigens der Erfinder des Quadrinity-Prozesses, der Körper, Intellekt, Gefühl und spirituelles Selbst zu einer Einheit führen will.
Soweit die Elemente des SAT, wie Claudio sie beschreibt. Hinzu kommen mittlerweise weitere vor allem körperzentrierte und therapeutische Elemente. In SAT I haben wir vor allem den Hoffmann - Quadrinity - Prozess durchlebt. Gleichzeitig haben wir uns weiter mit dem Enneagramm, und dabei vornehmlich dem kennenlernen der Muster befasst. Im Hoffmann - Prozess haben wir uns auf den Weg in unsere Kindheit, zu unseren Eltern und bis in die Kindheit der Eltern gemacht. Dieser Weg ermöglichte den Einblick in unser Gewordensein, das sich im Hier und Jetzt in unserem lebendigen Charakter zeigt.
So wurde jedem von uns auf seine persönliche Weise, mal intensiver, mal mit größerer Vorsicht, die eigenen Leiden und Begrenzungen erfahrbar, aber auch diejenigen der Eltern. Denn eine Lehre Hoffmanns ist, dass wir das Verhalten der Eltern entweder übernehmen oder ein Leben lang rebellisch ablehnen.
Wir steigen in den Keller des eigenen Gewordenseins hinab und erleben wieder die Schmerzen und Widerstände, die uns in frühester Kindheit zu dem geformt haben, was wir heute sind.
Wir erleben auch alle negativen Gefühle, die sich dadurch in uns gegen unsere Eltern angesammelt haben, weil sie uns vielleicht allein gelassen haben, uns nicht als die, die wir sind, geliebt haben, uns vielleicht misshandelt haben. Diese Gefühle müssen wahrgenommen und ausgelebt werden.
Der nächste Schritt ist das Verzeihen. Wir erleben die eigenen Eltern als Kinder, ihre Wünsche, ihre Einsamkeit, ihre Verletzungen und Enttäuschungen. Die Härte und die Lieblosigkeit, die sie selbst erlebt haben und die sie uns haben erleben lassen wird jetzt fühlbar aber auch verstehbar. Sie hatten es meist h viel schwerer als wir. Wir erleben ihr Leiden.
Ziel des Prozesses ist die Versöhnung mit den Eltern und die Fähigkeit, ihnen sagen zu können, "ich liebe Euch". Denn das ist die Voraussetzung für die Bejahung und die Annahme der eigenen Person und die Fähigkeit, sich selbst zu lieben. In der Liebe wird die zestörte Einheit von Körper, Intellekt, Gefühl und Spiritualität wieder vereint und in eine dynamische Beziehung zueinander gesetzt. In der Trennung der Quadrinität fordert, bewertet und kontrolliert der Intellekt. Das Gefühl, das innere Kinde rebelliert, ist launisch, wütend und maßlos. Die Zerrissenheit muss der Körper ausbaden: Er wird krank. Das spitiuelle Selbst hat in diesem Chaos gar keine Chance. Wir sind in der Begrenzung gefangen.
Während der Hoffmann-Prozess am Nachmittag und Abend stattfand arbeiteten wir vormittags, nach der gewohnten Meditation an der Erforschung unserer Muster. Früh am Morgen erwecken wir unseren Leib mit Tanz und Körperübungen.
Die Erforschung des eigenen Charakters bekam in der Kombination mit dem Wiederdurchleben des eigenen Gewordensein eine neue Dimension.
Unser jetziges Sein in der Gefangenschaft unseres Musters ist das Ende einer langen Reihe von Vorfahren bis zum Anfang der Zeit. Der Blick auf das Individuelle verändert sich. Wir sind alle Teil einer Einheit, die sich in neun Erscheinungsweisen zeigt. Dem Enneagramm. Wir sind auch immer ein Teil des Anderen. Die Vorstellung ist entgrenzend.
Am Ende von SAT I fühlte ich mich losgelöst - vor allem von den gewohnten Festlegungen meines Musters. Das war nicht nur angenehm aber ein nötiger Schritt. Ich hatte meinen Typ, die drei, nicht nur gefunden, ich hatte den Weg dahin erfahren und erlebt.
Das war schmerzlich, eröffnete aber auch neue Möglichkeiten. Welche? Das wird sich zeigen und wird zu leben sein. Bisher hatte ich ein wenig über die Grenze hinwegschauen können.

SAT 2 im Sommer 2004

Ein Jahr später, auf dem Weg zu SAT II - Workshop, kamen wir fast alle mit gemischten Gefühlen. Was würde uns diesmal erwarten? SAT I hatte für die meisten von uns viel verändert - und wenn man aus dem "normalen" Leben zu so einem Workshop kommt, ist man sich nicht so sicher, wieviel Veränderung man gerade jetzt noch verkraften will.
Wir wurden auch diesmal überrascht.
Die Arbeit mit dem Enneagramm nahm sehr viel Raum ein. Wir lernten die Subtypen kennen:
Sozial, sexuell, selbsterhaltend. Wir verbrachten viel Zeit in den Charaktergruppen, um nicht nur Gemeinsames zu finden, sondern auch Verschiedenheiten. Nach und nach bildeten sich in allen Charaktergruppen die Untertypen heraus und präsentierten sich im Pannel. Wi waren in unsrer Gruppe 16 Dreien und waren mit jedem Untertyp verteten. Wir entdeckten tatsächlich auch noch bei den Untertypen lebensgeschichtliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie ähnliche und verschiedene Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen. Wie gewohnt fand die Meditation und die Enneagrammarbeit wieder am Vormittag statt. Und früh am Morgen gab es dieses Mal keine Körperarbeit sondern kreativen Tanz - Experimente mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Körpers - allein, zu zweit oder als mehr oder weniger große Gruppe.
An den Nachmittag erlebten wir nacheinander und in sich abwechselnden Gruppen zwei Abenteuer: Wir spielten Theater und wir arbeiteten in den "movimientos autenticos" (wörtlich übesetzt: authentische Bewegungen).
Wir schrieben kleine Szenen füreinander, die wir dann unter Anleitung unserer Regisseurin (einer Lehrerin der Madrider Schauspielschule) interpretierten. Ich war erstaunt, wieviele Möglichkeiten es gibt, eine gegebene Lebenssituation zu inszenieren und sie zu interpretieren. Für mich war die zentrale Erfahrung, wie ausschließlich ich denke und lebe. Wenn a passiert, folgt zwangsläufig b. Aber das ist nicht so. Jeder Charakter findet andere Lösungen für ein Lebensdilemma oder eine Aufgabe, hat andere Ausdrucksmöglichkeiten - oder eben auch nicht. Das war für alle ergreifend, belustigend und erschütternd, für die Zuschauer genauso wie für die Schauspieler.
Während der movimientos autenticos begaben wir uns auf eine Reise in die Dunkelheit - mit dem Blick ins Innere den Kontakt zu uns selbst oder zur Außernwelt herstellen. Ohne zu sprechen.
Abwechselnd hielten wir uns eine halbe Stunde mit geschlossenen Augen (mit verbundenen Augen funktioniert es noch besser) in einem Kreis auf - während die wohlwollenden und schützenden Augen eines selbstgewählten Zeugen (jedes Mal jemand anders) auf uns ruhten.
Am Ende der Reise, die jedes Mal sehr unterschiedlich verlief, teilten wir uns mit: malend oder dem zuhörenden und nicht kommentierenden Zeugen berichtend.

In beiden SAT fand freie Assoziation und therapeutische Paararbeit statt. In SAT I mehr als in SAT II. So gab es einen weiteren engen Kontakt zu einem "Klienten" und einem "Therapeuten", dem wir die ganze Zeit über auf die jeweils spezifische persönliche Weise verbunden waren.
Am Ende war ich erstaunt, wie eine Gruppe von so vielen verschiedenen Menschen sich so gut kennenlernen kann, wieviel Miteinander, wieviele liebevolle Beziehungen sich sichereignet haben, dass wir unsere Gefühle zeigen konnten - positive und negative.
Die eingangs von Claudio beschriebene Synthese ermöglichte uns Teilnehmern nicht nur das Kennenlernen des eigenen und der anderen Charaktere, das Ausprobieren von Möglichkeiten und Sprengen von Begrenzungen, sondern auch ein ungewöhnliches miteinander erleben, anders als aus dem wirklichen Leben gewohnt.
Besonders in SAT II hat Claudio die Zeit der Meditation genutzt, über die verschiedenen Meditationsschulen zu sprechen und die kleinen Besonderheiten dann in den Meditation mit uns auszuprobieren. In den Meditationen wurde die für den Transformationsprozess so wichtige spirituelle Dimension, spürbar, der Kontakt mit einer Ganzheit in uns und außer uns, die einfach da ist - aber auch mit Worten schwer beschreibbar ist.
Vom 01. bis 05. Dezember kommt Claudio Naranjo nach Deutschland und wird in Scharbeutz an der Ostsee einen Enneagramm-Workshop abhalten. Mit den Inhalten wird er uns sicher überraschen. Das Repertoire vorstellbar zu machen, aus dem er schöpft, ist eines der Anliegen meines Berichtes.
Mehr Informationen zu dem Dezember-Workshop gibt es unter der E-Mail-Adresse: ediaz@gmx.de oder der Telefonnummer 040/ 520 35 37.

Kursvorstellung Claudio Naranjo:

Dr. Claudio Naranjo studierte in seinem Heimtland Chile Medizin, Musik Philsophie und Psychologie, arbeitete an psychitrischen Kiniken und begann seine bis heute andauernde Lehr und Forschungstätigkeit als Dozent für Psychologie, fürKunst, für Psychiatrie, medizinische Anthropologie und Meditation.
Sein weiterer Weg führte ihn in die USA, wo er am Esalen-Institut einer der Nachfolger des Gestaltpsychologen Fritz Pearls wurde. Seine innere Entwicklung wrude durch mehrere spirituelle Lehrmeister geplrägt, besonders durch Tarthang Tulku Rinpoche.
Er gründete das SAT-Institut, eine integrative psychospirituelle Einrichtung, an der Wechselbeziehungen zwischen Psychotherapie und spirituellen Praktiken untersucht werden.
Dr. Naranjo ist Mitglied des Club of Rome und anderer internationaler und interdisziplinärer Vereinigungen.
(Aus: Naranjo, Das Ende des Patriarchats, Petresberg, 2000)