SAT Enneagram Workshop unter Anleitung von Claudio Naranjo

Von 1. bis zum 5. Dezember war Claudio Naranjo in Klingberg an der Ostsee. Ungefähr 35 Enneagrammbegeisterte haben dort mehr gefunden, als was sie wollten: Eine intensive Begegnung mit der freundlichen Weisheit von Claudio Naranjo.
Claudio (72) bezieht sein Wissen über das Enneagramm unmittelbar von Oscar Ichazo. Aber er hat nicht nur das Enneagramm als Hintergrund. Er ist auch ein Pionier der Transpersonalen Psychologie. Vieles kommt bei ihm zusammen: Musik, Philosophie, Psychologie, Psychiatrie, Gestaltpsychologie und Buddhismus. Er sagt von sich selbst, dass die Früchte seiner langjährigen Arbeit und Erfahrung reif sind und dass er es noch als eine Aufgabe sieht, die Samen seiner Arbeit anderen zu vermitteln, durch sein SAT-Workshops und durch einige letzte Bücher. Deshalb war es wirklich ein Glück, diesen Brunnen der Weisheit nochmals in Deutschland zu erleben.

Er meint, dass die Welt vor allem dadurch geändert werden kann, wenn wir die Kinder anders erziehen werden. Das heisst, dass die Eltern und Pädagogen sich bewusst werden, dass viele Probleme nur da sind, weil es in der Erziehung fehlt an Einsicht, aber auch an Instrumenten, um der neuen Generationen wirkliches Bewustsein, Freiheit und Liebe bei zu bringen. Momentan ist unsere Erziehung immer noch eher eine Beeinflussung zu einer patriarchalen Gesellschaft. Wir brauchen aber eine Seinsweise die die väterlichen, mütterlichen und kindlichen Aspekte des Menschen in der Gesellschaft integriert, wobei Claudio diese Aspekte den Qualitäten der drei Zentren (Kopf, Herz und die (freien) Instinkte) zuordnet.

Uns ist vieles klar geworden über die Geschichte des Enneagramms und besonders über die frühesten Entwicklungen (Ichazo - Naranjo - Palmer). Wir hatten darüberhinaus gleich das Gefühl, dass hier einen Pionier sprach, der sehr viel bedeutet hat und noch immer bedeutet. Und nicht nur wegen dem Enneagramm.
Man merkte bereits an Übungen einen gewichtigen und breiten Hintergrund, der im Vierten Weg, im Buddhismus, in der Psychiatrie, in der Psychoanalye und in der Gestalttherapie seine Wurzeln hat.
Neben geführten Meditationen machten wir z.B. täglich ausführliche Uebungen in 'Freier Assoziation' (auf alle 3 Zentren bezogen) in Zweiergruppen. Diese wurden wie folgt aufgebaut: den ersten Tag versucht der 'Therapeut' nur in seiner Mitte zu bleiben und nur zu schauen und anzunehmen, was der 'Klient' spontan äussert. Er bleibt stille und wartet ohne Plan, ohne den Wunsch etwas zu sagen (nur maximal bewusst und 'präsent'). Den Kliënten assoziert nur und spricht, er ist bereit, nicht zu denken und nur zu sagen was er spürt im Moment, und geht so tiefer und tiefer.
Am zweiten Tag war derjenige, der zuhört (der 'Therapeut'), ab und zu ein Spiegel für den assoziierenden 'Klienten': wenn es passend ist und besonders, wenn der 'Therapeut' spürt, dass es ein Spiel wird oder der 'Klient' fast nur noch im Kopf ist, ahmt er - wortlos - den Ausdruck oder bestimmte Gebärde nach, und spiegelt ihm so etwas Eigenes.
Am dritten Tag durfte der 'Therapeut' auch gezielt, jedoch sparsam nachfragen, weil ab und zu verstehen wir nicht, was wir hören oder wir sind neugierig, etwas zu wissen oder konnte man auch weiterführende 'therapeutische Fragen' stellen. Der 'Klient' brauchte darauf nicht einzugehen während seinen Assoziationen, weil Fragen einen hilfreichen Reiz sein können oder aber auch einen Hindernis. Die Kunst der Therapie besteht oft aus 'timing', nämlich nebst einer (guten) Frage auch den richtigen Zeitpunkt zu finden, diese einzubringen.
Am vierten Tag konnten den Therapeuten improvisieren: manchmal still, ab und zu ein Frage stellen, manchmal Mimik imitieren bzw. mit andern Interventionen aus seinem Repertoire. Wir hatten alle vier Tage denselben 'Therapeuten' und waren selbst 'Therapeut' für einen 'Klienten'. Es war dann auch interessant, nach den einzelnen Sequenzen und vor allem am Schluss miteinander die Übertragungen und Gegenübertragung anzuschauen. Weil wir im Allgemeinen viel zu aktiv werden, wenn wir einen Klienten in Therapie oder Coaching haben, waren diese Übungen für beide, 'Therapeut' und 'Klient', eine sehr bedeutungsvolle und schöne Erfahrung. Die Assoziationssequenzen dauerten jeweils zwischen 30 und 40 Minuten, und basierten auf einer meditativen Haltung des 'Gewahrseins', die in der Vipassana-Tradition begründet ist.

Es war übrigens ein Vergnügen, Naranjo über die 27 Subtypen sprechen zu hören (mit vielen Witzen und Illustrationen aus Literatur und Gegenwart) und zu erfahren, wie er auch seine erfahrene 'Nase' anwendete, um eigene mehr oder weniger fixierte Typisierungen von mehreren von uns in Frage zu stellen (siehe dazu auch die Impression von Samuel Jakob). Er betonte in seiner Art und Weise, dass das Enneagramm nur ein Mittel sei zur Selbstkenntnisse, und dass es andere Methoden und Techniken gibt und braucht, um mehr von der Schönheit zu erfahren, die hinter der Maske des Typs liegt.

Schöne und tiefe Stunden haben wir auch erlebt mit Ginette Pacella, einer Gestalttherapeutin, die mit Claudio zusammenarbeitet in den SAT-workshops. Sie hatte die Verantwortung für die körperliche Gestalttherapie, die wir mit den ganzen Gruppe meist abends machten (und die in der Tradition des Vierten Weges als 'subud' bekannt ist und in der es um 'spontanen Ausdruck' geht jenseits unserer Programme, die zwar oft automatisch sind, jedoch mit echter Spontaneität nicht allzu viel zu tun haben). Das Schöne der Arbeit von Claudio ist, dass man nicht nur mit einen oder zwei Zentren arbeitet, so wie das meistens bei Helen Palmer der Fall ist, sondern immer zugleich alle drei Zentren angesprochen und beteiligt sind in der Suche nach dem, was hinter deinen Enneatyp verborgen liegt. Wir machten 'spontane körperliche Bewegungen der Seelen' in Stille, höchstens ab und zu eine kurze Sequenz unterstützt durch gezielte Musik, mit den Augen geschlossen, in den kleinen Raum. Nachher konnten wir mit unseren eigenen 'Zeugen' darüber austauschen. An einem der Abende ging es um das Erfahren der eigenen Männlichkeit bzw. Weiblichkeit, an einem weiteren Abend ging es um das Erfahren des eigenen Schattens. Sehr imponierend alles. Nachher kamen einige von uns noch individuell in der Gruppe einen Schritt weiter in ihre persöhnliche Entwicklung.

Das besondere war auch das wachsende Gruppenklima.
Die Freundliche Weisheit von Claudio, die Offenheit der Teilnehmer und die Liebe zu einander waren dafür verantwortlich, dass es zu einem sehr schnell und tief wachsenden Gruppenklima kam, das eine ganz eigene, schöne, tief berührende und bewegende Qualität entwickelte.

So lange Claudio noch lebt, werden wir Chancen haben, ihn zu besuchen, auch wenn das in Europa vermutlich auf Italien und Spanien konzentriert bleibt. Wir werden das sicher tun, weil er persönlich und professionell eine grossen Meister ist. Eine schöne Entdeckung!

Frits van Kempen
Renske van Berkel

Hier folgen noch einige Statements von andern Teilnehmern au den Reihen des E-MT. Samuel Jakob:

Was mich an Claudio erneut beeindruckt hat ist, wie genau er es mit den Typen - und vor allem den Subtypen - nimmt. Wenn er den Eindruck hat, dass jemand bei seinen persönlichen Erläuterungen mehr 'angelesenes Enneagrammwissen' denn wirklich eigene Erfahrungen mitteilt, fragt er diese Person, ob sie wirklich zu diesem Typ gehört. Auch Personen, die schon etliche Jahre ihren Typ zu kennen meinen, müssen oft ihre Einschätzung nochmals überprüfen und oft sind in einer tieferen Schicht tatsächlich mit einem andern Typ identifiziert als sie bisher meinten. Und auch wenn der Typ stimmt, muss man in einem solchen Fall tiefer gehen und nochmals neu schauen. Nichts ist für Claudio schädlicher, als (erneut) einzuschlafen (wenn man den Typ gefunden hat), oder sich gar im Typ einzunisten. Das Enneagramm hat eine große autosuggestive Kraft, und deshalb stehen für Claudio die Verfeinerung der Wahrnehmung, des Sehens und Spürens auf allen Ebenen im Zentrum. Das Wissen (oder vermeintliche Wissen) über den eigenen Typ stehen der Selbsterkenntnis und der Weiterentwicklung oft mehr im Weg als dass sie weiterhelfen. Claudio schöpft dabei aus der reichen Tradition des 'crazy wisdom', um solches Einschlafen auch auf fortgeschrittener Stufe immer wieder zu verhindern. Auch für langjährige Enneagrammkenner und -lehrer lebt und vermittelt er so auf eine zugleich herzliche wie unbequem-konsequente Weise den berühmten 'Geist des Anfängers'."

Marcel Sonderegger

Mich faszinierte das umfassende Wissen (Literatur, Musik, Mythologie, Religionen u.a.) von Claudio Naranjo verknüpft mit seiner gütigen Lebensweisheit. Ich erlebte - wie ich dies vom Buch ‚Das Enneagramm in der Gesellschaft' her kannte - die Vernetzung von Enneagramm mit der Gesellschaft und der Kultur. Seine sozialkritische Analyse und das Enneagramm der Gesellschaft aus der Sichtweise der Psychopathologie des einzelnen Menschen fordern mich heraus. Claudio leidet etwa an der ökologischen Zerstörung der Welt. Dies berührt mich sehr und ich fühlte mich von ihm verstanden.
Eine besondere Bereicherung bedeuteten für mich die Übungen der freien Assoziation, der morgendlichen Meditation zu Zweit und die präzise Herausarbeitung der Trennschärfe zwischen den Subtypen. Sicher waren einige von uns betroffen, als er nach der Vorstellungsrunde erklärte, dass sich rund 30 Prozent im falschen Enneagrammtyp wahrnehmen würden.

Ich danke dem ganzen Leitungsteam für seine grosse Arbeit, besonders auch dem Organisator Emilio Diaz-Miranda.