Auf der Suche nach der Wahrheit


Claudio Naranjo, geboren in Chile, ist Arzt, Psychiater, Bewusstseinsforscher und Therapeut. Er ist einer der Nachfolger von Fritz Perls; als erster hat er die Charaktere nach G. I. Gurdjieff formuliert. Anfang Dezember kommt Claudio Naranjo für ein Seminar über das SAT-Enneagramm nach Hamburg. Das Seeker After Truth oder SAT-Programm beruht auf der Idee Naranjos, dass eine ganzheitliche Entwicklung der Menschen nur durch eine Veränderung in der Erziehung möglich ist. Um die Erziehung zu ändern, muss ein neues Element in die psycho-spirituelle Bildung sowie die Aus- und Weiterbildung der Pädagogen eingebracht werden. Durch den SAT-Prozess soll eine Grundlage für die Entwicklung "freier und mündiger Menschen" geschaffen werden. Das folgende Interview mit Claudio Naranjo führte Emilio Diaz-Miranda

Emilio Diaz-Miranda: Sie sind der erste, der das Enneagramm in einer modernen wissenschaftlichen Fassung verbreitet hat.

Claudio Naranjo: Unfreiwillig. Denn zuerst wurde das Wissen nur eingeweihten Kreisen vermittelt. Sie haben immer an der Art Oscar Ichazos, ihrem Enneagramm-Lehrer, und der Sufi-Tradition der nur mündlichen Wissensvermittlung festgehalten. Eine Tradition, an die sich, trotz Ihrer Anweisung, nicht alle Ihre Schüler gehalten haben, so dass es zu schriftlichen Veröffentlichungen kam. Waren Sie schon, bevor Sie Ichazo kennen gelernt haben, auf einen Weg der Suche?

Ich war auf der Suche nach einem Meister wie Gurdjieff, als ich Fritz Perls kennen gelernt habe. Ich habe Gurdjieff nicht persönlich getroffen, aber ich war Teil seiner Schule, obwohl ich nicht viel davon verstanden habe. Damals war ich in jugendlichem Alter, aber ich fühlte mich wie ein Opa. Dank der Schüler Gurdjieffs machte ich Fortschritte, was das Verständnis seiner Bücher anging - immer auf der Suche nach der Wahrheit. Einer Wahrheit, die auf mich immer auf der nächsten noch nicht gelesenen Seite zu warten schien. Jedes nächste Kapitel versprach die Offenbarung des esoterischen Geheimnisses. Aber wie bei dem Trick mit der Karotte, wo der Esel gezwungen wird weiter zu gehen, landete ich an anderen Orten als an denen, die ich gesucht hatte. Gurdjieff war ein Mann mit einem profunden und direkten Blick und er besaß die Fähigkeit zu konfrontieren. Bis heute hatte ich außer Fritz Perls keinen anderen Lehrer, der Gurdjieff ähnlicher gewesen wäre. Beide waren Lehrer in der Erfahrung des Augenblicks und gleichzeitig große Meister der Konfrontation.

EDM: Gibt es Berührungspunkte zwischen dem spirituellen Weg und der Gestalttherapie?

CN: Ich habe von der Gestalttherapie als einer Art "Krypto-Taoismus" und auch als einer Art von neuem Schamanismus gesprochen. Die Gestalttherapie lädt mehr die Intuition des Therapeuten ein als seine theoretischen Fähigkeiten. Die Nähe zwischen der Meditation und der Gestalttherapie ist so offensichtlich wie die zwischen Klienten, die auf der Suche nach Heilung oder der nach Wahrheit sind.

EDM: Was ist der Unterschied zwischen einer Person, die nach einer Psychotherapie sucht und einer, die nach Wahrheit sucht?

CN: Ich glaube, den Unterschied kann man gut mit einer Sufi-Erzählung verdeutlichen: Es waren einmal vier Reisende: ein Araber, ein Perser, ein Türke und ein Grieche. Sie diskutierten darüber, wie sie ihre letzte übriggebliebene Münze Geld nutzen könnten. Unterdessen kam ein Fremder und sagte: Wenn ihr mir die Münze gebt, werde ich euch alles kaufen, was ihr euch wünscht. Am Anfang waren alle misstrauisch, aber am Ende gaben sie ihm das Geldstück. Der Araber sagte: Kauf mir eine Weintraube! Der Türke war zufrieden damit, weil es das war, was auch er kaufen wollte, aber er nannte es "uzm". Der Grieche nannte es "stafil" und der Perser "angur". Genauso wollen auch wir alle das Gleiche, aber wir benennen es unterschiedlich. Und genau wie dieser Sufi ein guter Dolmetscher war, sollte es auch ein guter Therapeut sein. Der eine Mensch sucht die Liebe, der andere versucht den Schmerz zu vermeiden, der nächste will seinen Ehrgeiz sättigen. Jedoch die Sache, die wir suchen, ist die gleiche, aber keiner erkennt mit Klarheit, was das wirklich ist. Ich glaube, jede Therapie, die etwas, "das nicht richtig funktioniert", untersucht, hat etwas gemeinsam mit der größten metaphysischen Suche. Alle spirituellen Traditionen sagen, dass wir in einem Moment unserer individuellen oder kollektiven Geschichte "gefallen" sind. Wir haben das Paradies oder den ursprünglichen Zustand oder den Geist verloren. Und alle Therapieformen versprechen die Wiederherstellung der verlorenen, ursprünglichen Gesundheit.

EDM: Ist es das erste Mal, dass Sie nach Deutschland kommen?

CN: Nein. Ich war schon in den siebziger Jahren in Süddeutschland. Damals ging es um schamanische Sitzungen. Und auch zu verschiedenen anderen Gelegenheiten war ich hier: zu Kongressen, Veranstaltungen und so weiter. Die deutsche Kultur - Musik, Literatur, Kunst - interessiert mich sehr.

EDM: Sie haben Medizin studiert, haben sich aber auch mit Musik, Literatur und mit der Psychologie der Kunst beschäftigt. Was war zuerst in Ihrem Leben, die Spiritualität oder die Wissenschaft?

CN: Sowohl als auch. Ich erinnere mich, dass ich, als ich noch sehr jung war und gerade erkrankte, mit großer Begeisterung ein Chemiebuch las. Die Wissenschaft begeisterte mich. Und gleichzeitig war ich unter dem Einfluss eines Freundes meiner Familie, Totila Albert, ein deutsch-jüdischer Chilene, der mich im spirituellen Sinne stark beeinflusst und geprägt hat. Nach dem Ersten Weltkrieg nannte man ihn in Berlin "den deutschen Rodin", denn er war vorerst Bildhauer. Im Alter von 37 Jahren erlebte Totila einen spirituellen Tod, der ihn zu einer Wiedergeburt oder, wie er es selbst nannte, zu einer "Selbstgeburt" führte. Danach widmete er sich der Dichtung und der Mystik. Totila und seine Lehre über die "Botschaft von den Dreien" (Vater, Mutter und Kind) hat mich sehr beeinflußt. Und diese Dreifaltigkeit findet man, auf eine andere Art und Weise, in den Zentren des Enneagramms wieder. Später waren es Bücher, die mich auf spiritueller Ebene beeinflussten, dann die Gurdjieff-Kreise und noch später der direkte Kontakt mit Oscar Ichazo, einem Bolivianer, dem ich einen großen Teil der Entwicklung meiner Person zu verdanken habe. Er zeigte mir die Anwendung des "Ennagramm der Persönlichkeit", etwas, das sich heute - nach meinen Seminaren und Workshops in Esalen - zu einer weltweiten kulturellen Bewegung entwickelt hat. Ich war der erste, der die Beschreibung der Charaktere formuliert hat, von denen Ichazo zwar gesprochen, sie aber nicht schriftlich niedergelegt hat.

EDM: Ist das Enneagramm nur ein therapeutisches Werkzeug oder ist es auch ein Mittel zur Forschung, um die Typologie der menschlichen Charaktere festzumachen?

CN: Es ist ein Werkzeug zur Selbsterkenntnis, das ursprünglich mehr spirituell als therapeutisch war. In der Spiritualität ist es der erste Schritt, das Ego zurückzulassen. Aber der Prozess endet nicht mit der Auslöschung der Krankheit. Was auf dem spirituellen Weg ein Mittel ist, ist in der Therapie wertvoll für sich.

EDM: Wie beurteilen Sie die Bedeutung von Fritz Perls für die Entwicklung der Gestalttherapie?

CN: Wie man weiß, hat die Gestalttherapie ihren Ursprung in der Handlung eines einzigen Lehrers, nämlich Fritz Perls; er war ein so revolutionärer Meister, so anti-konventionell und so skandalös, dass seine Weisheit und die spirituelle Ebene der Gestalttherapie für die meisten seiner Zeitgenossen verborgen blieb. Insbesondere weil Fritz Perls sich selbst als antireligiös bezeichnete. Tatsache ist, dass man sehr oft das Spirituelle mit dem Religiösen verwechselt. Für mich war Fritz Perls ein Meister und ich glaube, dass ich bestimmte Erfahrungen mit einem anderen Lehrer nicht gemacht hätte. Mir scheint, dass viele Leute weniger von ihm bekommen haben als ich, weil sie keinen so tiefen Respekt gegenüber Perls empfanden, wie ich es tat. Es war leicht ihn zu kritisieren, weil er so konfrontativ war und die Leute seine heilende Absicht nicht erkannten und sich daher verletzt fühlten. Aufgrund seiner ungewöhnlichen Art könnte man ihn als "dionysisch" bezeichnen. Das Christentum erkennt den dionysischen Geist nicht als einen spirituellen Weg an.

EDM: Ist so ein Weg verständlich für die westliche Welt?

CN: Es gibt gerade in Deutschland gewisse Traditionen, die einen ähnlichen Weg einschlagen. Salomo Friedlaender beispielsweise hat über die schöpferische Indifferenz geschrieben. Er sprach vom "Null-Punkt". Da verbinden sie sich Polaritäten: Gut und Böse, Götter und Dämonen. Aus der Sicht von Friedlaender ist das "Apollinische" nicht das Gegenteil des "Dionysischen", sondern ein Prinzip des Gleichgewichts, das Harmonie in das Chaos bringt. Im fünftägigen Intensiv-Workshop "SAT-Enneagramm" versuche ich dies alles zu vermitteln und zu erläutern, so dass die Leute es auch durch existentielle Erfahrungen besser verstehen.

Claudio, wir danken Ihnen für das Gespräch.

CLAUDIO NARANJO: "SAT-Enneagramm" o Intensiv-Workshop, 1.-5. Dezember 2004 o Teilnehmerbeitrag: 500 Euro zzgl. U/V, bei Zahlung bis 5. November 2004 Ermäßigung von 5% o Ort: Klingberg bei Lübeck o Information und Anmeldung: Emilio Diaz-Miranda, Timmerloh 37, 22417 Hamburg, Telefon 520 35 37, E-Mail ediaz@gmx.de, nähere Informationen über SAT-Enneagramm unter www.diaz-miranda.tk